Gänseblümchen

„Oma, loss des stehn
und setz di her do kurz zu mir“
I nimm mein Laptop, klapp eam auf,
klick zwamoi und präsentier´
die Website auf der meine Slamtexte stehn.
“Jo, de san im Internet und
jo, des kaun a jeder sehn!”

I schau da zua, wiast die Zeuln verschlingst –
voi konzentriert und superschnö.
Du nickst, du lachst, dann schaust mi au
und sogst: „Des is super, waast des eh?!
Do draußen gibt’s so vü Potschochta
owa i hob a blitzgscheide Enkeltochta!“

Du bist so stoiz, des kaun I sehn
und sogst du wiast boid amoi gehn
zu so am Slam, weust scho neigrig bist.
I werd di erinnern, wenns wieda soweit is.

„Oma, loss des stehn
kumm I hob net so long Zeit
zomrama kannst a späda –
I bin glei wieder weit

weit weg, in meina Wöd.
Jo na, geht ma guad …
hob vü z´tuan, z´wenig Göd
jo passt scho, manchmoi is hoid hoat
owa waast eh, i pock des immer.
Weu waun ma an wos glaubt
dann wird’s besser und net schlimma.“

Du schaust mi au mit traurige Augen
ois wissast nimmer wos I man.
Deine Tog und Nächte saugen
di aus, des siech i da an
und waun i frog wia´s da geht
sogst ma:

„Ois is oasch…
waast, friara woa´s besser
manchmoi hoid i´s echt net aus!
Seit er weg is, is so stü
dass i am liabsten schreien wü.

Mog nimma rean und nimma denken
daun geh i ausse in mein Gartn,
muas mi irgendwie oblenken
mei Leb´n hot sein Sinn verluan…

Die Nochbarn nua deppat,
de Hackla san z´laut,
die Autos foan z´schnö,
de Heisa schiach baut,

die Leit san foisch,
und fett und bequem.
Des Essen is teia und verseicht,
olle korrupt im Gesellschaftssysstem,
und Schreibm und Rechna
foit aa kaan mehr leicht…“

Du steigerst di schon wieda eine
in des Elend dieser Wöd
und regst di über ollas auf
was die Zeitung so dazöht.

I probier neutral zu bleibn
di aufzumuntern irgendwie,
doch waun i merk es g´lingt ma net
dann sog i “tschüss” und bin dahi.

I waas, i soitat efta do sein
soit zuahearn wonnst vom Kriag dazöhst
und di hoidn wonnst waanst
waunst vom Opa redst und di moi wieda zu vü quööst.

Zu Allerheilign woast bes,
weu kana mit dir zum Grob gongan is.
I waas du hättst mi bei dir hom wolln
und I hätt dann net bled mit dir streitn solln,
sondern glei des sogn worum´s letztlich ging:
„Nächstes Joa, Oma, do geh i hin..“

Und des Versprechn hob i ghoidn.
Des ollas woa…vor knapp an Joa.
Heier bin i do am Grob –
waun a net so wias ausgmacht woa.

I homma docht i leg mein Oam um di
wemma do vorm Opa stehn,
an dem Tog an dem die Leit hoit
Verstorbene besuchen gehn.

Gedankenverlorn dreh i
a Gänseblümchen zwischen di Finga.
Des hob i gsegn am Weg doher
und homma docht, des wü i bringa.

Auf dem Grobstaa steht dei Name.
Drunter a Datum, des ma sogt
a waun i´s no immer net glauben mog …
dass i seit März a ka Oma mehr hob.

Scheiße….Oma, i vamiss di
immer wieder, afoch so.
Mecht da so gern ois dazöhn
owa du bist nimma do.

Und während i do steh
und wortlos Dialoge fiar,
gspia i in mia ganz genau:
Mei Oma is net wirklich hier.

Weu auf der faulen Haut rumliegen
das woa dir immer scho a Graus.
I schätz du grobst im Himmel um,
reißt gekonnt des Unkraut aus,
schaust, dass de Samen guat überwintern
und mochst de ondan Leit do obn
jedn Tog Feia unterm Hintern.

Muas immer wana und lochn
waun i an di denk,
weu dei Enkelkind zu sein
des woa a wirklich guades G´schenk.

Woast a richtig wüde Henn –
bist damois in de Sechzger
ois gschiedane Frau Motorrad gfoan.
Host zwa Kinder groß zogn,
die net unterkriang lossn
und woast scho mei Heldin
kaum woar i geborn.

Du host imma an mi glaubt,
waun ondre mi belächelt hom.
Du woast imma stoiz auf mi,
host mi aufs Podest gehobn
und waun i verzweifelt bei dir gsessen bin
host gsogt: „Owa geh – mia zwa kriang des hin!“

Bei deiner Grobred hot di Mama gmaant
du woast so wia a Gänseblümchen.
Kla owa stoak,
unbezwingboa und wüd –
a ewig treuer Frühlingsbote,
der bis in November eine blühd.

Waun i seither a Gänseblümchen seh
bleib i kurz steh
und dann werd i ganz stü,
weu i afoch ned weidagehn wü
ohne fest an di zu denken
und dir egal wo´st du grod bist
a Lächeln und ganz vü Liebe zu schenken.

Steh immer no do vua eicham Grob.
Leg´s Gänseblümchen zärtlich hin,
küss den koidn, weißn Marmor,
zupf die Pflanzn zrecht
… weu I so wie du bin.

„Pfiati God!“, hätt da Opa gsogt.
I hoff eam geht’s guad, und dir jetzt aa.
I wünsch ma so sehr dassd jetzt glicklich bist
und nie nie mehr wieder ganz alaa.

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